Politik braucht Praxisnähe

Dringender Appell an die Gesundheitspolitik


Bundeszahnärztekammer verstärkt den Protest und fordert Kehrtwende in der Gesundheitspolitik

Zu viel Bürokratie, zu wenig Geld für Prävention, Praxissterben auf dem Land:
Mit gezielten Aktionen warnt die Bundeszahnärztekammer vor den Folgen der aktuellen Gesundheitspolitik. In einem dringenden Appell an die Gesundheitspolitikerinnen und -politiker fordert sie mehr Praxisnähe politischer Entscheidungen, die den aktuellen Herausforderungen in den Zahnarztpraxen und den Interessen der Patientinnen und Patienten gerecht werden.

Die konkreten Forderungen der Zahnärztinnen und Zahnärzte finden Sie in folgendem Appell:

Die Patientinnen und Patienten vertrauen der Zahnärzteschaft. Denn die zahnmedizinische Versorgung in Deutschland gehört zur absoluten Weltspitze. Die Zahnärztinnen und Zahnärzte machen gemeinsam mit ihren Teams einen sehr guten Job.

Aber es droht ein Praxissterben und die Zukunft vieler Niederlassungen steht auf dem Spiel. Mit therapieschädigenden Sparmaßnahmen und ausufernder Bürokratie in ökonomisch unsicheren Zeiten wird der flächendeckende Zugang zu zahnmedizinischen Leistungen in Deutschland zunehmend gefährdet.

Damit sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte auch in Zukunft wie gewohnt um das Patientenwohl kümmern können, muss es jetzt eine Kehrtwende geben. Es braucht dringend mehr Praxisnähe in der Gesundheitspolitik. Deshalb verstärkt die Bundeszahnärztekammer den Druck auf die Politik:
 

  • Weniger Prüfbürokratie wagen. Sie frisst Zeit, Geld und Nerven, aber niemand hat etwas davon. Im Gegenteil: Jeden Tag sind ganze Praxisteams mit unnötiger Dokumentation befasst, die zu Lasten der Patientenbehandlung geht.
     
  • Zukunft der Landpraxen sichern. Vor allem auf dem Land suchen manche Zahnarztpraxen händeringend eine Nachfolge. Der freie Beruf des Zahnarztes muss attraktiv bleiben, sonst drohen Lücken in der Versorgung, vor allem in den Dörfern und Kleinstädten.
     
  • Nicht am falschen Ende sparen. Behandlung ist gut, Vorsorge ist besser. Bei Präventionsmaßnahmen darf nicht der Rotstift angesetzt werden, sonst werden die Gesundheit der Betroffenen und steigende Folgekosten riskiert.
     
  • Zahnmedizin gehört in Zahnarzthände. Sogenannten Private-Equity-Fonds, die in Medizinische Versorgungszentren investieren, geht es in erster Linie um den Profit. Deshalb: Freie Praxen schützen, gegen die Kommerzialisierung der Zahnmedizin!
     
  • Selbstverwaltung stärken. Bitte keine britischen Verhältnisse und kein staatliches Gesundheitswesen. Das duale Gesundheitssystem hat sich bewährt und die Selbstverwaltung ist ein hohes Gut. Daher bitte weder Turbokapitalismus in Stadt und Land noch Medizinsozialismus mit Qualität von der Stange, sondern Erhalt des bewährten Gesundheitssystems mit der Therapiefreiheit der Zahnärztinnen und Zahnärzte.
     
  • Sicherheit für den zahnmedizinischen Nachwuchs. Damit sich auch in Zukunft hochqualifizierte Zahnärztinnen und Zahnärzte flächendeckend um das Patientenwohl kümmern, muss es sich auch in Zukunft lohnen, eine eigene Praxis zu gründen.

Bundeszahnärztekammer verstärkt Kritik an Gesundheitspolitik

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Warum protestieren die Zahnärztinnen und Zahnärzte jetzt?

Für viele Zahnarztpraxen ist die Belastungsgrenze erreicht. Immer weniger Nachwuchs wagt den Sprung in die Niederlassung, der flächendeckende Zugang zu guter Zahnmedizin steht auf dem Spiel, v.a. im ländlichen Raum. Der zunehmende Fachkräftebedarf gilt auch für die nichtzahnärztliche Assistenz: ZFA ist mittlerweile ein Engpaßberuf. Die Prävention muss stärker gefördert werden. Und Bürokratie raubt Zeit, die zur Behandlung der Patientinnen und Patienten eingesetzt werden sollte. Gründe genug, um jetzt unsere Forderungen deutlich zu machen.

Was sind die Forderungen der Zahnärztinnen und Zahnärzte?

Ganz konkret: Prüfungen, Dokumentation und andere bürokratische Prozesse, die viel Zeit und Geld kosten, müssen auf den Prüfstand, damit unnötige Abläufe gestrichen und mehr Zeit bleibt für die Behandlung der Patientinnen und Patienten Die Gesundheitspolitik muss die freie Zahnarztpraxis als beste Form der zahnmedizinischen Versorgung entlasten und fördern.

Ohne Verwaltung kann ein modernes Gesundheitssystem nicht funktioniert. Warum ist die Kritik der Bundeszahnärztekammer an der Bürokratie so scharf?

Niemand bestreitet, dass eine ordentliche Verwaltung für einen Staat mit einem modernen Gesundheitssystem unverzichtbar ist. Aber wir haben in Deutschland vor allem bei der Kontroll- und Prüfbürokratie jedes Maß verloren.  Laut dem Statistischen Jahrbuch der BZÄK von 2022/23 werden durchschnittlich 51 Arbeitstage in der Praxis für Verwaltungstätigkeiten aufgewendet. Es ist in den letzten Jahren eher mehr als weniger geworden. Ein Beispiel: Aus guten Gründen wird in Zahnarztpraxen sehr auf Hygiene geachtet – hier gelten besonders hohe Standards, wie sich auch während der Corona-Pandemie gezeigt hat. Trotzdem misstraut der Staat dem Praxispersonal und prüft, ob bei der sogenannten Wisch-Desinfektion von Instrumenten der richtige Druck aufgewendet wird. Diese Misstrauenskultur grenzt an Realsatire.

Welche Lösungsvorschläge zum Bürokratieabbau hat die Bundeszahnärztekammer?

Schon 2015 hat der Nationale Normenkontrollrat auf Grundlage einer BZÄK-Stellungnahme zahlreiche Vorschläge gemacht, wie die bürokratische Belastung im Praxisalltag verringert werden kann, zum Beispiel, indem nicht mehr jeder Arbeitsschritt dokumentiert werden muss. Es würde viel Zeit sparen, unnötige Dokumentationsroutinen abzuschaffen, damit sich das Personal auf das Wesentliche konzentrieren kann: die Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Wie kann ein Praxissterben in ländlichen Gegenden verhindert werden?

Vor allem auf dem Land suchen manche Zahnarztpraxen händeringend eine Nachfolge. Ein Grund: Die selbstständigen, inhabergeführten Praxen wurden in der Vergangenheit vernachlässigt. Außerdem belasten Verwaltung und Bürokratie die Praxen immer stärker. Das muss sich ändern, der freie Beruf des Zahnarztes muss attraktiv bleiben. Junge Zahnärztinnen und Zahnärzte brauchen Anreize, eine Landpraxis zu führen und mehr Unterstützung durch die Kommunen, auch durch entsprechende Kampagnen. Das Umfeld muss auch stimmen. Familienfreundlichkeit, Patientenaufkommen, Infrastruktur, Freizeitangebote – das sind wichtige Faktoren für eine Niederlassung. Denkbar ist zum Beispiel ein deutschlandweites Online-Portal, in dem vakante Landpraxen ausführlich vorgestellt werden inklusive des Umfelds.

Warum kritisiert die Zahnärztekammer Fremdinvestoren in der Zahnmedizin?

Grundsätzlich ist gegen Investoren nichts einzuwenden, aber im Gesundheitsbereich muss die Behandlung von erkrankten Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht der Gewinn.

Zahnmedizin gehört ausschließlich in Zahnarzthände. Die Qualität der medizinischen Behandlung muss im Vordergrund stehen, nicht allein der Gewinn. Keineswegs dürfen nicht notwendige Behandlungen um des reinen Profits willen durchgeführt werden. Strukturen im Gesundheitswesen, die das Interesse von Dritten am reinen Profit befördern, sind zu verhindern. Deshalb fordern wir: Freie Praxen schützen, die Kommerzialisierung der Zahnmedizin verhindern.

Warum kritisiert die Bundeszahnärztekammer die Budgetierung?

Wenn es um die Gesundheit geht, darf man nicht am falschen Ende sparen. Das gilt insbesondere für die Prävention, zum Beispiel bei Volkskrankheiten wie Parodontitis, die nachgewiesene Wechselwirkungen mit Allgemeinerkrankungen wie Diabetes hat. Bei Präventionsmaßnahmen darf nicht der Rotstift angesetzt werden, sonst riskieren wir die Gesundheit der Betroffenen und steigende Folgekosten. Hier gilt: Behandlung ist gut, aber Vorsorge ist besser.

 

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