Rede Bundesversammlung 2023 - Bericht des Präsidenten


Prof. Dr. Christoph Benz, Präsident der Bundeszahnärztekammer

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

ob Allgemein- oder Zahnmedizin – wer ein medizinisches Studium beginnt, hat bereits eine wichtige Entscheidung getroffen: Für einen heilenden Beruf, bei dem man sich nicht wegducken kann. Für einen Beruf, bei dem man die volle Verantwortung trägt für die eigenen Entscheidungen und Handlungen. Für einen Beruf, bei dem einiges auf dem Spiel steht: Die Gesundheit, das Wohlergehen, im Extremfall das Leben von echten Menschen.

Wer diese Verantwortung anstrebt, der braucht und will meist auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Behandlung die beste ist für diese Menschen, die sich einem anvertrauen. Der will selbst entscheiden, wie er oder sie die Praxis führt und die Zusammenarbeit im Team organisiert. Und deshalb ist die Selbstständigkeit der freien Berufe immer das gewesen, was am besten zu uns als Zahnmedizinerinnen und Zahnmedizinern passt: Die eigene Praxis, das eigene Team, die eigenen Patientinnen und Patienten. Verantwortung und Freiheit – das gehört für uns selbstverständlich zusammen. Und in diesem Sinne begrüße ich Sie ganz herzlich auf unserer diesjährigen Bundesversammlung in Berlin.

Plädoyer für die Selbstständigkeit

Freiheit, Verantwortung, Selbstständigkeit – mir liegen diese Themen am Herzen. Denn wir reden hier von den Grundlagen unserer hervorragenden zahnmedizinischen Versorgung. Zahnmedizin findet weitestgehend ambulant statt. Rund 70.000 Zahnärztinnen und Zahnärzte versorgen ihre Patienten in 46.700 Niederlassungen. Im gesamten Bundesgebiet. In Anstellung befinden sich rund 23.000 Kolleginnen und Kollegen. Eine solche Selbstständigenquote finden Sie in anderen Branchen eher selten.

Mit dieser Kultur der Selbstständigkeit ist Deutschland zu einem Land geworden, dessen zahnmedizinische Versorgung zu den besten der Welt gehört. In der Warnemünder Erklärung haben wir es in diesem Sommer folgendermaßen formuliert: „Die kleine Praxis hat Deutschland an die Weltspitze der Mundgesundheit geführt, gerade auch weil sie ihre Patienten nicht nach Rendite selektieren kann und weil sie die Struktur ist, die sich den Bedürfnissen des ländlichen Raumes optimal anpasst.“

Diverse Studien belegen, dass die Mundgesundheit in Deutschland zur Weltspitze gehört, und zwar über alle Altersgruppen hinweg. Die Zahnmedizin ist hierzulande sehr präventionsorientiert, denn die meisten Patienten gehen regelmäßig zum Zahnarzt, auch wenn sie gar keine Beschwerden haben. Das liegt an der Aufklärung, die endlich Früchte trägt, und an dem guten Ruf, den wir haben. Jede dritte ärztliche Niederlassung in Deutschland ist eine Zahnarztpraxis. Wir sind überall präsent, in der Stadt und auf dem Land – so etwas bieten sonst nur die Hausärzte. Und die Anerkennung ist hoch: Über 90 Prozent der Patientinnen und Patienten sind mit ihrem Zahnarzt zufrieden oder sogar sehr zufrieden und bewerten die Behandlung als positiv. Die meisten wechseln den Zahnarzt auch nie. In Facharztrankings belegen Zahnärzte Spitzenplätze bei der Patientenzufriedenheit, u. a. wegen geringer Wartezeiten.

Das alles ist kein Zufall, sondern eng verknüpft mit der Kultur der Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit, die zur DNA der Zahnmedizin gehört.

In politischen Kreisen kommt diese DNA der Selbstständigkeit eher selten vor. Der Wert und die Bedeutung von Selbstständigkeit in einer Volkswirtschaft und von Freiberuflichkeit in der Medizin werden dort kaum noch verstanden. Wenn der deutsche Durchschnittspolitiker vom Bürger redet, hat er einen Arbeitnehmer vor Augen, einen Angestellten oder einen Beamten.

Für den durchschnittlichen Linken, Grünen, Sozialdemokraten oder Gewerkschafter ist Selbstständigkeit ein unnatürlicher Zustand. Ein Selbstständiger gilt entweder als Opfer, weil ihm die Sicherheit einer Festanstellung fehlt, oder als potenzieller Täter, wenn er Arbeitgeber ist. Der Alltag in einer kleinen Praxis ist diesen politischen Strömungen meist fremd. Für sie ist der Staats- oder Großkonzern das Maß aller Dinge, mit massenhaften Arbeitsbienen, vertreten durch einen Konzernbetriebsrat. Sperrige Selbstständige sind nicht erwünscht.

Die bürgerlichen Parteien singen zwar gerne das hohe Lied der Selbstständigkeit und der freien Berufe. Aber auch bei ihnen gewinnt das Angestelltendasein immer mehr an Zuspruch. Und die Ausbreitung von Investoren-MVZ haben sie lange und bis heute hingenommen. Als sei die zahnmedizinische Versorgung ein Markt wie jeder andere, auf dem sich Dumping-Anbieter mit Aggro-Marketing und knallhartem Strukturvertrieb breitmachen dürfen. Dass iMVZ die kleinen Praxen in ihrer Selbstständigkeit zerstören und immer mehr Fachkräfte abwerben, wird entweder ignoriert oder kleingeredet. Dieselben Leute, die den individuellen Cafés und Tante-Emma-Läden hinterhertrauern, nehmen sehenden Auges hin, dass kleine Praxen verschwinden und den einheitlichen Versorgungsketten Platz machen müssen – immer mehr Dental-Ketten und immer weniger individuelle Zahnarztpraxen.

Und je mehr Politiker das Selbstständigendasein schlechtreden, desto mehr färbt das auf die Bürgerinnen und Bürger ab. Die Selbstständigenquote ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Gleichzeitig steigt die Begeisterung für das Berufsbeamtentum: Um fast elf Prozent ist die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst im selben Zeitraum gestiegen. (1)

Ich möchte an dieser Stelle werben. Nicht für den Zahnarztberuf – der ist attraktiv genug –, sondern für die Selbstständigkeit in Freiberuflichkeit. Die eigene Praxis, der eigene Chef, die eigene Chefin sein. Es ist nichts dagegen einzuwenden, eine Festanstellung zu suchen – man verstehe mich hier nicht falsch. Manchmal passt das einfach besser zur Lebenssituation. Das muss jeder Mediziner und jede Medizinerin für sich selbst entscheiden. Und natürlich übt auch der angestellte Zahnarzt oder die angestellte Zahnärztin einen freien Beruf aus.  

Aber ich werbe trotzdem für Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit, für die kleine Praxis in Stadt und Land. Ich könnte statt kleiner Praxis auch kleine Start-ups sagen. Denn darum geht es: Zahnarztpraxen sind wie kleine Start-ups, verteilt übers ganz Land. Es sind kleine Unternehmen, ausgestattet mit moderner Technik, hoch qualifiziert und engagiert. Mit starken Teams, die die Mundgesundheit auch in Gegenden sichern, in denen man ansonsten kaum Fachärzte und erst recht keine iMVZ findet.

Wenn man politischen Debatten lauscht, kann man den Eindruck gewinnen, Selbstständigkeit werde nicht mehr gewollt und Selbstständige würden nicht mehr gebraucht. Die Jugend von heute scheue die Verantwortung und das Risiko.

Ich halte nichts von diesem Gerede. Die jungen Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner, die ich treffe, wollen Verantwortung. Sie schätzen die Freiheit. Und sie sind grundsätzlich offen für eine eigene Praxis. Aber wenn man ihnen die Selbstständigkeit madig macht, darf man sich nicht wundern, wenn sie sich für eine Festanstellung entscheiden.

Natürlich bringt eine Festanstellung mehr Übersichtlichkeit. Aber dennoch bin ich überzeugt: Der Umhang der Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit steht uns Zahnärzten immer noch am besten. Und wir sollten nicht tatenlos zusehen, wenn das Politbeamtentum die Menschen in das Angestelltenverhältnis treibt. Irgendjemand muss auch für den Mut zur Selbstständigkeit werben, und wenn es die Politik versäumt, machen wir es eben. Deshalb der Appell an alle: Werben Sie für mehr Selbstständigkeit! Für die Freiberuflichkeit. Denn niemand wirbt besser und überzeugender für die eigene Praxis als Zahnärzte mit eigener Praxis.

Starke Teams

Ich habe gerade die starken Teams in den Praxen erwähnt. Wir haben starke Teams – das behauptet erst mal jeder. Fachärztinnen, Hausärzte, Apothekerinnen – die sehen sich wahrscheinlich auch als Teams. Aber auf Demonstrationen sieht man sie dann allein, Arzt neben Ärztin, Apothekerin neben Apotheker. Wenn ich an die letzte Demonstration am Brandenburger Tor denke: Da wurde im Team demonstriert, Zahnärzte und ZFA, Seit an Seit, für die gemeinsame Sache. Der Teamgedanke lebt in den Zahnarztpraxen – und darüber hinaus.

In aller gebotenen Bescheidenheit möchte ich an dieser Stelle auch die BZÄK und ihren Vorstand erwähnen. Als wir drei gemeinsam zum Geschäftsführenden Vorstand gewählt wurden, war uns eines von Anfang an wichtig: Der neue GV versteht sich als Team, das an einem Strang zieht und gemeinsam seine Ziele verfolgt. Eine Solistentruppe, in der nicht miteinander geredet wird, hat im Berliner Politdschungel keinen Erfolg. Nur als Team kann man seine Ziele erreichen, und das ist schon schwer genug. Allein, mit Einzelkämpferpose, hat man im Berliner Haifischbecken keine Chance.

Deswegen geht mein ausdrücklicher Dank an dieser Stelle an Romy und Konstantin, mit denen ich in den letzten zwei Jahren eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten durfte. Ich finde, dass wir uns die Arbeit und die Themen gut aufgeteilt haben und dass wir gemeinsam einiges bewegen konnten. Mein Dank geht auch an die Kolleginnen und Kollegen bei der Bundeszahnärztekammer in Berlin und in den Landeszahnärztekammern – man sieht sie meist nicht, aber ohne sie bewegt sich nichts.

Ich habe grundsätzlich das Gefühl, dass das Team Zahnmedizin besser aufgestellt ist als je zuvor. Man hat das auch auf der Jubiläums-IDS im März gemerkt: Die Zusammenarbeit mit den Hochschulen, der Austausch mit der Industrie – die dentale Familie steht zusammen.

Versorgung im ländlichen Raum

Und das ist auch notwendig, denn es gibt wie immer eine Menge zu tun. Ich habe uns gerade kräftig auf die Schulter geklopft, weil wir überall präsent sind, in Stadt und Land. Das ist auch nicht falsch, aber wir müssen auch etwas dafür tun, dass es so bleibt.

Um die Ballungszentren müssen wir uns keine Sorgen machen, was die Versorgung angeht. In den Städten drohen eher Überversorgung und Verdrängung der kleinen Praxen durch Investoren-MVZ, die sich vor allem dort breitmachen, wo sie fette Rendite wittern – eben in den Städten.

Auf dem Land, in den Dörfern und Kleinstädten findet man die iMVZ eher selten – dünn besiedelte Gegenden rechnen sich nicht für Zahnarztketten. Für sie steht der Profit an erster Stelle, und die zahnmedizinische Behandlung ist für sie eine Dienstleistung wie jede andere. Konstantin ist unser MVZ-Experte; er wird dazu gleich noch etwas sagen. Nur so viel: Wenn es um die Versorgung auf dem Land geht, dann kommt es auf uns an, auf die kleinen Praxen, den zahnärztlichen Mittelstand. Die MVZ-Konzerne sind da keine Hilfe, die helfen nur sich selbst. Wir müssen da ran, zusammen mit den Kommunen, damit die Versorgung auf dem Land auch in Zukunft in hoher Qualität gesichert bleibt.

Man gewinnt junge Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht mit warmen Worten für den Umzug aufs Land. Und auch nicht mit frisch tapezierten Praxen oder patriotischem Pathos. Das Schlüsselwort heißt Lebensqualität. Mit der Familie in eine ländliche Gegend ziehen, eine Praxis gründen oder übernehmen – das ist eine Lebensentscheidung. Die trifft man nicht leichtfertig. Da macht man sich schlau, informiert sich, will wissen: Wo ziehe ich da eigentlich hin? Die Rahmenbedingungen müssen stimmen: Wie ist das Umfeld, wer wohnt da, wie sind die Schulen und Kitas, können ältere Verwandte dort versorgt werden, wie ist die Verkehrsanbindung, welche Freizeit- und Sportangebote gibt es?

Kann man da gut leben? Das ist die Frage, die sich doch jeder stellt, wenn man umzieht. Im Grunde bräuchte man so etwas wie praxisscout24.de, mit allen relevanten Informationen zu Umfeld und Lebensqualität des Praxisstandorts.

Und man braucht eine aktive Kommunalpolitik. Bürgermeister und Stadträte – das sind ja meistens pragmatische und praktisch veranlagte Leute, mit denen man reden kann. Die wollen ja auch, dass Mediziner sich bei ihnen ansiedeln – als Ärzte und als aktive Bürger im besten Sinne des Wortes. Dafür muss die Infrastruktur stimmen – die Verfügbarkeit von bezahlbaren Gewerbe- und Wohnimmobilien und Schulen und Kitas, die Verkehrsanbindung an größere Städte, die Internetabdeckung, das Freizeitangebot. Wenn das Gesamtpaket stimmt, ist mir nicht bange um die zahnmedizinische Versorgung – in Stadt und Land.

Was wir nicht brauchen, ist eine Absenkung der Versorgungs- und Qualitätsstandards. „Lieber ein schlechter Arzt als keiner“ – das habe ich schon öfter gehört, und das ist Quatsch. Natürlich müssen wir immer im Blick behalten, ob genügend Nachwuchs in der Pipeline ist. Aber es gibt keinen Grund für fatalistische Sprüche. Und wir müssen und wir dürfen jetzt auch nicht anfangen, bei der Approbation großzügig ein Auge zuzudrücken. Nein, die Standards bleiben – für unsere Studierenden und für die Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland, die zum Beispiel als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Gleiches Recht für alle, gleiche Pflicht für alle.

Neue Wege: Personalmangel ZFA und Alterszahngesundheit

Das gesellschaftliche Großthema Personalmangel zieht natürlich nicht spurlos an den Zahnarztpraxen vorüber. Die Zeiten, in denen man bei der Personalsuche ohne Köder angeln konnte, sind vorbei – wir müssen uns schon was einfallen lassen, um junge Menschen als Zahnmedizinische Fachangestellte für die Praxisteams zu gewinnen. Und ich möchte an dieser Stelle ganz herzlich die Kolleginnen und Kollegen von der Kammer Nordrhein grüßen.

2017, also vor sechs Jahren, haben sie eine sehr erfolgreiche Kampagne zur Gewinnung von Auszubildenden gestartet. Das Ergebnis: Die Zahl der Vertragsabschlüsse ist um durchschnittlich 25 Prozent gestiegen. Ab 2024 tritt diese Kampagne in eine neue Phase, und zwar bundesweit – Konstantin und Romy werden dazu sicherlich noch etwas sagen. Diese Ausweitung auf das gesamte Bundesgebiet unter dem Dach der BZÄK ist für mich ein Beispiel für gute Teamarbeit. Da hat eine Kammer eine tolle Idee, will neue Wege beschreiten und tut dies erfolgreich. Die Reaktion der anderen ist nicht Neid und Abwehr, wie es in vielen anderen Organisationen oft der Fall ist. Nein, die Reaktion lautet: Super, das klappt so gut, das machen wir jetzt zusammen.

Neue Wege beschreiten – das machen wir auch beim Thema Alterszahngesundheit. Es kommt ja nicht oft vor, dass es ein spezifisch zahnmedizinisches Thema in den Koalitionsvertrag einer Bundesregierung schafft. Meistens ist in politischen Papieren viel von Verzahnung die Rede, aber selten von richtigen Zähnen. Bei der Ampel ist das anders. Im Koalitionsvertrag „Mehr Fortschritt wagen“ heißt es: „Wir schaffen einen Nationalen Präventionsplan sowie konkrete Maßnahmenpakete z. B. zu den Themen Alterszahngesundheit, Diabetes, Einsamkeit, Suizid, Wiederbelebung und Vorbeugung von klima- und umweltbedingten Gesundheitsschäden.“

Damit ist noch kein Problem gelöst – eine Koalitionsvereinbarung ist weder Gesetz noch ein mit Finanzmitteln unterlegtes Programm. Es ist eine Willensbekundung, mehr nicht. Deshalb warten wir auch nicht darauf, dass die Regierung in die Pötte kommt. Ich will auch fair bleiben an dieser Stelle: Die Bundesregierung hat einige schwierige Baustellen, die so nicht vorhersehbar waren. Da kann es akut andere Prioritäten geben.

Wir sind selbst aktiv geworden. Wenn wir von Alterszahngesundheit reden, dann geht es vor allem um Menschen mit Pflegebedarf – sei es ambulant oder stationär. Deshalb haben sich die Bundeszahnärztekammer und der Deutsche Pflegerat (DPR) auf ein kurzes, praxisorientiertes Schnittstellenpapier mit dem Titel „Mundgesundheit in der Pflege“ verständigt. Wir haben das Papier in Abstimmung mit den Ausschüssen Alterszahnmedizin und Inklusive Zahnmedizin und dem DPR erarbeitet. Das Papier richtet sich an die Gesundheitspolitik, an Pflegeverbände, die zahnärztliche Berufspolitik und – last but not least – an Zahnärztinnen und Zahnärzte, die zum Beispiel in Pflegeheimen tätig sind. Offiziell ist es noch gar nicht erschienen, ich plaudere hier aus dem Nähkästchen. Wir stellen es nächste Woche der politischen Öffentlichkeit vor. Dank einer Veranstaltung mit SPD und FDP kann ich Ihnen sagen: Die Politik interessiert sich sehr für das Thema.

Nebenbei: Gerade dieser wachsende Patientenkreis schätzt den persönlichen Kontakt zum eigenen Zahnarzt oder zur eigenen Zahnärztin.

GOZ, Paro und die Bürokratie – die Gassenhauer

Es gibt Gassenhauer, Themen, über die wir uns jedes Jahr ärgern dürfen: Die GOZ gehört dazu, die überbordende Bürokratie und mittlerweile auch der präventionsfeindliche Zickzackkurs der Bundesregierung bei der PAR-Richtlinie. Ich will dazu gar nicht viel sagen, denn das werden Romy und Konstantin sicherlich noch tun. Nur so viel:

Ich bin froh, dass wir mit der vorgenommenen Übersetzung der PAR-Leitlinie in die GOZ eine kluge Lösung gefunden haben. Und ich danke an dieser Stelle Romy ganz herzlich für ihren unermüdlichen Einsatz bei diesem Thema und für diesen Erfolg durch eine smarte Lösung.

Ein Seitenhieb an die Politik sei mir noch gestattet. Der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger hatte ja die Frage gestellt, warum die GOZ nicht an die Entwicklung im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (BEMA) angepasst werde. Die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums lautete (Auszug): „Die Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) und der Einheitliche Bewertungsmaßstab (BEMA) sind voneinander unabhängige und hinsichtlich Rechtsgrundlage und Ausrichtung grundsätzlich unterschiedliche Vorgaben. Daher ist eine ständige Anpassung der GOZ an die BEMA nicht zwingend erforderlich …“

„Eine ständige Anpassung“? Bei der letzten Anpassung stand die Mauer noch. Es bleibt ein Ärgernis, und wir bleiben dran.

Und dann ist da noch die Bürokratie. In unserem Vorstandsteam hat Konstantin diesen Mühlstein am Hals, und er wird dazu sicherlich noch etwas sagen. Von meiner Seite nur so viel: Wir sind ja nicht die Einzigen, die die überbordende Bürokratie beklagen. Und ich habe noch niemanden getroffen, der meint, es mangele in Deutschland an Bürokratie. Und trotzdem wird es nicht besser. Selbst Bürokratieabbau-Maßnahmen führen am Ende nur zu neuer Bürokratie – so ist jedenfalls mein Eindruck. Es ist ein deutscher Fetisch, getrieben von Sicherheitswahn, Misstrauen und Cover-Your-Ass-Mentalität. Vielleicht darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen ihr Heil in der Beamtenkarriere suchen. Regulieren und Kontrollieren statt Gründen und Machen – das scheint das neue Motto zu sein.

Ich finde das bedauerlich. Nicht nur, weil die Bürokratie uns Zahnärzte nervt und Kosten verursacht. Mir machen die Mentalität und das Menschenbild Sorge, die dahinterstecken. Wer anderen Menschen nur mit Misstrauen begegnet, dem Neuen mit Skepsis, dem Unbekannten mit Ablehnung, der wird erst stagnieren und dann zurückfallen. Und wer alles zukleistert mit Formularen und Abhaklisten, wird das Wesentliche aus dem Blick verlieren. Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen, die Ampel will mehr Fortschritt wagen. Die Grundlage von beidem ist, dass wir gemeinsam mehr Vertrauen wagen. Mehr Selbstständigkeit, mehr Team, mehr Vertrauen – dieser Dreiklang ist eine gute Grundlage für die Arbeit der Zahnarztkammern. Und in diesem Sinne danke ich für Aufmerksamkeit.

(1) https://www.spiegel.de/wirtschaft/oeffentlicher-dienst-warum-junge-menschen-beamte-werden-wollen-a-81537e57-1b64-41da-b29c-57b3059f428f


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