1689 1690 1691 1691 1691 Stellungnahme | (Zahn-)Medizin | Bruxismus, Mundgesundheit und Allgemeingesundheit, Psychosomatik Einfluss psychosomatischer Erkrankungen auf die Mundgesundheit

Wege zu erfolgreicher Prävention und Therapie


Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer


In den letzten rund 30 Jahren hat sich die Mundgesundheit der deutschen Bevölkerung innerhalb dieses Zeitraumes außerordentlich positiv entwickelt. Die Erfolge in der zahnmedizinischen Prävention sind wissenschaftlich belegt und gesundheitspolitisch anerkannt. Im gesundheitspolitischen Raum gelten die erreichten Erfolge in der Zahnmedizin mittlerweile als das Erfolgsmodell und Vorzeigeprojekt für die Prävention schlechthin.

Bevölkerungsrepräsentative sozial-epidemiologische Studien wie die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) belegen nicht nur den deutlichen Kariesrückgang bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch den zunehmenden Zahnerhalt und das hohe Versorgungsniveau bei Erwachsenen und Senioren.

Mundgesundheit steht in enger Beziehung zum gesamten Wohlbefinden

Bei all diesen Erfolgen ist es allerdings notwendig, sich auch den nach wie vor vorhandenen Herausforderungen und Veränderungen zuzuwenden. Psychosomatischen Erkrankungen haben eine zunehmende Bedeutung für die Mundgesundheit der Bevölkerung.

Bereits 2009 stellte das Robert Koch-Institut im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes fest: „Mundgesundheit bezieht sich nicht nur allein auf die Zähne, sondern steht in enger Beziehung zur gesamtkörperlichen Gesundheit und zum Wohlbefinden“.

Dass Seele und Zähne eng zusammenhängen ist bekannt. Nicht ohne Grund heißt es bei Stress „Zähne zusammenbeißen“. Man „zeigt seinem Gegner die Zähne“ der „beißt sich durch“. Manchmal „verbeißt man sich in einer Sache“ oder nimmt „etwas zähneknirschend hin“.

Psychische und psychosomatische Beschwerden beeinflussen das körperliche Wohlbefinden. Depressionen, Alltagsstress, Ärger im Beruf sowie Schicksalsschläge wie Trennung und der Tod von Angehörigen sind häufig verantwortlich für die Angst vor der Behandlung oder eine unbefriedigende Zahnarzt-Patienten-Beziehung. Sie können sogar die gesamte Therapie zum Scheitern bringen.

Kummer manifestiert sich aber auch direkt im Mundbereich: etwa mittels Prothesenunverträglichkeit, Zungenbrennen, Pressen und Knirschen, Zahnfehlbelastungen oder ein Überstrapazieren der Kaumuskeln und angrenzender Muskelgruppen.

Welche Bedeutung psychische Störungen für das Gesundheitswesen generell haben, kann an einigen Daten deutlich werden. Die Ausgaben für Krankengeld auf Grund psychischer Störungen liegen an zweiter Stelle nach den Muskel-Skeletterkrankungen.

Anzahl und Dauer von beruflichen Fehlzeiten, die durch psychische Störungen bedingt waren, stiegen in den vergangenen Jahren fast durchgängig an. Psychische und Verhaltensstörungen sind die Krankheitsgruppe mit den zweithöchsten Kosten im Gesundheitswesen. Bei den Frühverrentungen sind psychische Erkrankungen die mit Abstand häufigste Ursache.

Es kann davon ausgegangen werden, dass zwischen 25 und 38 Prozent der Bevölkerung unter einer psychischen bzw. psychosomatischen Störung leiden. Somit ergibt sich auch für die zahnärztliche Praxis als wichtiger Teil der medizinischen Primärversorgung die Konsequenz, dass

  • 20 Prozent der Patienten in Zahnarztpraxen Beschwerden haben, bei deren Auslösung und Verlauf psycho-soziale Faktoren eine Rolle spielen oder
  • 20 Prozent der Patienten mit Beschwerden beim Zahnarzt psychisch beeinträchtigt sind.

Im Zusammenhang mit der regelmäßigen und häufigen Inanspruchnahme zahnärztlicher Untersuchungen – rund 75 Prozent der Bevölkerung gehen laut DMS V einmal jährlich kontrollorientiert zum Zahnarzt – haben die Diagnostik und das bio-psycho-soziale Krankheitsverständnis eine hohe Bedeutung für Zahnärzte.

Gerade Krankheitsbilder, bei denen eine deutliche Diskrepanz zwischen Befund und Befinden der Patienten festzustellen ist oder die eine lange und komplizierte Krankheitsdauer ohne Therapierfolge aufweisen, müssen eine besondere Beachtung erfahren.

In der Zahnmedizin sind dabei mehrere Krankheitsbilder von Bedeutung.
Dabei sind die Zahnbehandlungsangst bzw. -phobie, die psychogene Zahnersatzunverträglichkeit, der chronische Gesichtsschmerz, somatoforme Störungen, die cranio-mandibulären Dysfunktionen und der Einfluss von Stress auf Parodontitis und Bruxismus (Zähneknirschen und -pressen) zu nennen.

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie weisen klinische Beobachtungen zahlreicher Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland auf eine deutliche Zunahme von Symptomen und Folgen von Bruxismus hin. Auch Umfragen der American Dental Association bei den Zahnärztinnen und Zahnärzte in den USA wiesen auf diese Entwicklungen hin. Es ist zu vermuten, dass der pandemiebedingte Stress Bruxismus ausgelöst oder verstärkt hat – und auch Auswirkungen auf die Mundgesundheit besitzt.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit für erfolgreiche Prävention und Therapie

Die Bundeszahnärztekammer hat auf Grund dieser Entwicklung bereits im Jahr 2006 den

Leitfaden „Psychosomatik in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“

als wissenschaftlich begründeten und gleichzeitig praxisnahen Problemaufriss für Zahnärzte als systematische Orientierungshilfe herausgegeben.

Auch im Rahmen der Fortbildung zeigt der Berufsstand großes Interesse für diese Thematik. Ganze Zahnärztetage, aber auch curriculäre Fortbildungsangebote zur Psychosomatik, werden stark frequentiert. Dabei wird bewusst die Zusammenarbeit mit ärztlichen Kollegen und Psychotherapeuten gesucht. Auch Aufklärungsangebote werden in dieser Zusammenarbeit für die breite Bevölkerung angeboten.

Die ganzheitliche Betrachtung des Patienten aus Sicht einer wissenschaftlichen und präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde schließt somit nicht nur die organischen und körperlichen, sondern auch Sozialumfeld- und psychische Faktoren mit ein. Zahnärzte haben somit die Chance und die Möglichkeit, psychische Störungen zu erkennen, diese anzusprechen und einer adäquaten Therapie zuzuführen.

Tabuisieren und Verdrängen aus Sicht der Patienten und der Öffentlichkeit müssen abgebaut und die zahnärztliche Versorgung stärker auf das bio- psycho- soziale Krankheitsverständnis ausgerichtet werden. Somit kann auch die Zahnmedizin bei Prävention und Früherkennung von psychosomatischen Erkrankungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Ärzte und weiteren Gesundheitsberufen eine wichtige Rolle im Gesamtsystem einnehmen.


Für Rückfragen

Dr. Sebastian Ziller

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E-Mail: s.ziller@bzaek.de

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